Wecke den Adler!

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Erfolg - Eine Qualität des Denkens

Es war in den Alpen an einem sonnigen Vormittag. Der Gebirgsbauer Obermeier war auf dem Wege zu seiner höchstgelegenen Alm. Am Fuß eines Felsvorsprungs blieb er plötzlich stehen. Vor ihm lag, eingebettet in ein weiches, volles Mooskissen ein Ei. Obermeier guckte nach oben; nichts zu sehen. Zehn Meter über ihm der Felsvorsprung, er wunderte sich. Eigentlich ging außer ihm, kaum jemand diesen Weg. Also wieso soll ein Ei hier hinkommen. Voller Neugierde nahm er das Ei auf und siehe da, es war noch warm. Seine Neugierde wuchs, er betrachtete das Ei von allen Seiten und steckte es in seine Hosentasche, die weit genug war, um das Ei nicht zu zerdrücken. Auf seiner Alm war alles in Ordnung und er setzte sich schnellstens wieder Richtung Tal zu seinem Hof in Bewegung.

Dort angekommen machte er sich auf den Weg zum Hühnerstall, nahm das Ei aus der Tasche und schob es einer brütenden Henne unter. „Ja, da bin ich aber mal gespannt“ dachte Obermeier – selbstverständlich in Bayrisch. 
Die Tage vergingen. Obermeier hatte zu tun, seine Tochter betreute die Hühner und das Ei war so gut wie vergessen. Eines Tages kam Obermeier an seinem Hühnerstall vorbei und was sah er? 
Ein ganz eigenartiges Kücken; völlig anders als die anderen. Da fiel ihm das Ei wieder ein.
Aber soweit so gut!

Einige Wochen später saß Obermeier vor dem Hühnerstall und er glaubte, ihn laust der Affe! Was saß da zwischen seinen Hühnern? Einen jungen Adler!
Um Gottes Willen dachte Obermeier, das gibt ja Mord und Totschlag; und er war schon darauf und daran, den Adler zu entfernen, aber so ein kleiner Adler hat auch eben etwas nettes, er guckte ihn treuherzig an, machte „piep“ oder "krächzt" und Obermeier konnte ihm nichts tun. Na ja, es wird wohl Gottes Wille sein, dachte er als gläubiger Mensch., was bei bayrischen Gebirgsbauern noch häufiger vorkommt.
Die Monate gingen ins Land und Obermeier beobachte, wie seine Hühner mit dem Adler in fröhlicher Koexistenz lebten. Statt auf die Jagd zu gehen und Hühner zu fangen, kratze der Adler, genau wie seine Hühnerkumpel, die Erde auf und fraß Regenwürmer und was da sonst noch zu finden war. Soweit der erste Teil der Geschichte.

Betrachten wir die Sichtweise des Adlers. Es war Konrad Lorenz, der das Verhalten von Gänsekinder beschrieb. Ein Gänsekind klopft von innen sein Ei auf, guckt heraus und das erste was es sieht ist seine Mutter, so lautet sein Evolutionsprägestempel. Wenn Sie das Pech haben, das erste zu sein, was ein Gänsekind sieht, dann sagt es zu Ihnen „Mama“ und wird Sie die nächste Zeit verfolgen.
Über Adler ist eine solche Geschichte nicht bekannt; aber das Verhalten ist von der Evolution, der auch wir unterliegen, geprägt. Gemessen am Alter unserer Erde und der Entwicklung von Lebewesen, sind wir eigentlich vom Zeitabschnitt alle nicht soweit auseinander. In den Tiefen unseres Urgehirns sind durchaus ähnliche Verhaltensmuster genetisch eingelagert. So erging es auch unserem Adler; er klopfte sein Ei von innen auf, guckte heraus und was sah er: eine Henne, links und rechts von ihm Hühnerküken.
Somit stand für ihn fest: Ich bin ein Huhn!  

Eigentlich hat die Natur mit ihm etwas völlig anderes vorgehabt. Von seinen biologischen und sonstigen Anlagen war er ein Adler, aber geboren im Hühnermilieu und umgeben von Hühnern - woher sollte er das wissen? Er dachte, er sei ein Huhn. Und so verlief auch seine Prägephase; er tat was Hühner tun. Learning by doing. Er lernte zu fressen, er lernte zu trinken, er lernte Regenwürmer auszugraben. Nach Käfern pickend verbrachte er die Tage und Wochen mit seiner Hühnerverwandtschaft im Hühnermilieu.
Eines Tages war er müde von seiner Hauptbeschäftigung, im Hof nach allem möglichen herumzuscharren und es aufzupicken; und da die Sonne schien hüpfte er, wie seine Hühnerkollegen es taten, auf einen Bretterzaun und genoss, gemeinsam mit den anderen Hühnern, den Sonnenschein. Er konnte auch mit seinen Hühnerfreunden reden und plötzlich gab ein Huhn Alarm.
Es schrie:“ Ein Adler, ein Adler!“ und blickte nach oben.
Die ganze Hühnergemeinschaft und auch unser Adler schauten nach oben und tatsächlich, majestätisch schwebte weit über ihnen ein Adler mit weit ausgebreiteten Schwingen. Er zog am strahlend blauen Himmel seine Kreise und interessierte sich keineswegs für die Hühner, die am Boden saßen und zu ihm aufblickten. Ihn interessierten Hühner nicht. In seiner Welt kamen Hühner, wenn überhaupt, dann nur als Nahrung vor. Es war Kaninchensaison und darauf hatte er Appetit. Der Adler betrachtete die Landschaft von oben; er war hier der Herrscher. Er entschied was er tat. Er war frei, ungebunden – der König der Berge. Und er gefiel sich gut in dieser ihm angestammten Rolle, denn es war seine Rolle. Er war schließlich als Adler geboren. Er war ein Adler und er fühlte sich als Adler. Nichts anderes hatte er in seinem Leben kennengelernt.

Unten am Boden da saßen die Hühner. Einige schauten ganz wehmütig nach oben und sagten: „Mein Gott, was muss es doch herrlich sein, ein Adlerleben zu führen, was muss es doch herrlich sein, so frei am Himmel seine Kreise zu ziehen, statt hier unten den Boden aufzukratzen". 
Und auch der junge Adler wurde nachdenklich und sah nach oben, sah auf seine Hühnerfreunde und er meldete sich zu Wort und sagte: „Ja, ja fliegen müsste man können!“

Nun geneigter Leser, was will uns diese Geschichte sagen! 
Sie und ich, wir alle werden  in ein Milieu geboren. Wir alle haben eine genetische Herkunft. Wir alle haben den ersten Blick ins Leben gewagt und wurden in der Kindheit geprägt von dem, was uns umgab.

Wir tragen die Fracht gesellschaftlicher, ideeller und kultureller Werte in uns,  die Erlebnisse der Kindheit, unserer Erziehung, unseres schulischen und beruflichen Werdegangs. Ist es Glück, Vorsehung, Schicksal oder ist einfach irgendwann nur „der berühmte Groschen gefallen“, die Erkenntnis aufgekeimt nach einer tiefen Einsicht zum Wissen  geworden? Und daraus hat sich unser Selbstbild geformt. Das Bild, das den Sieger vom Verlierer unterscheidet. 

Haben Sie den Adler in sich schon entdeckt? Ich wünsche es Ihnen – und lassen Sie sich bitte nie einreden, er wäre nicht da. Nehmen Sie dieses Wissen in sich auf. Und sollte er noch schlafen, dann wecken Sie ihn auf. Lassen Sie ihn frei und machen Sie das Beste aus sich !